Heute ging es bei mir in verschiedenen Gesprächen mal wieder um das Thema “Kinder kriegen”. In der ganzen Bekanntschaft/Umgebung ploppen zur Zeit vermehrt die kleinen Menschlein aus den weiblichen Bäuchen, um es mal so liebevoll zu beschreiben. Vermehrt wird durch Frauen im besten Alter Anfang 30 oder davor darüber gesprochen. Das sprichwörtliche “Die Uhr tickt”. Und selbst vor Männern macht es nicht halt. Entweder heißt es, Ausbildung vorbei, wahlweise auch Studium, der feste Job ist da, und was fehlt da noch? Ja. Kinder.
Bei all den schlechten Statistiken, es ist doch erstaunlich, wie viele es doch immer noch hinbekommen, oft genug auch gewollt. Aber um in meiner langen Schreibweise mal wieder auf den Titel zurückzukommen, Kinderkriegen ist/wird leichter gemacht, als es getan sein sollte (eine reine Freude an dieser Grammatik/Ausdrucksweise/Formulierung/Poetik).
Nicht nur, dass es ja immer mal wieder die Forderung nach einem “Elternführerschein” in erzieherischer Hinsicht gibt, sondern auch, und das ist ja noch kontroverser, in biologischer Hinsicht.
In biologischer Hinsicht? Nicht nach Darwinscher Auslegung. Aber ich spreche von Kindern, die mit Gendefekten geboren werden, weil die Eltern meinen, sie müssten selbstverliebt oder biologisch gesteuert unbedingt die Erfahrung machen, ein eigenes Kind zu produzieren. Und das meine ich bei aller Verständnis für solche Entscheidungen, und zwar im Hinblick auf die Sicht der Dinge, dass es eh egal ist. Auf lange Sicht. Aber auf kurze Sicht wird einem kleinen Krümel bereits mit Vorsatz eine ganze Menge Balast fürs Leben aufgegeben.
Und mit Gendefekt meine ich nicht geistige oder körperliche Hindernisse nach hergebrachter Sichtweise, sondern “versteckte”. Um nicht um den Brei verallgemeinernd herumzureden: Ich rede von der Erbkrankheit der Depressionen. Teils auch mit zuviel IQ-Punkten. Die Kombination kann tödlich sein. Jedenfalls ist sehr schwer mit ihr zu leben. Hat man nicht im Leben als Mensch genug Schicksal, als dass man auch noch dazu neigt, depressiv zu sein. Wer auch nur einmal im Internet in Depressionsforen von Betroffenen und Begleitern liest, der weiss, wovon ich rede.
Die Anlage zu Depressionen wird auch vererbt. Und hat man mal eine richtige gehabt, dann wird man sie das ganze Leben nicht mehr los. Sei es nur die Angst davor, wieder in eine hineinzurutschen. Oder die ausgeprägten Erinnerungen an die “Gefühle” oder das Ausbleiben solcher. Und das Wissen, dass es laut Statistik mehrmals “passiert”. Wie Alkoholismus, nur schlimmer. Oder auch nicht, da ich mich mit Alkoholismus noch nicht so beschäftigen musste. Mit Menschen, die an Depressionen leiden, leider viel mehr. Die Zahlen sind erschreckend. Wo kommen die alle her. Und haben sie mal ihre Eltern/Großeltern über die Familiengeschichte so richtig ausgefragt?
Ich wurde gefragt, ob ich nicht auch den Drang hätte, ein Kind zu zeugen. Ich habe in der Familie schwere Depressionskranke. Und erst in den letzten Jahren erfahren, dass auch Vorfahren depressiv waren, ein Selbstmord ist mir bekannt. Nicht nur in meinem Zweig, auch in den anderen zieht sich diese, früher so nett “Gemütsschwere” benannte Krankheit durch. Zwar bin ich selbst nur stark vom Prokrastinierverhalten betroffen und hatte bisher nur eine mildere Depressionsformphase, jedoch komme ich mit der Krankheit der starken, ausgeprägten “Depression” immer wieder ausschweifend in Kontakt. Hilflosen Kontakt. Jeder Angehörige oder Partner kennt das. Aber ich will nicht in das Thema.
Ich wollte eigentlich loswerden, was ich vorhin dachte, als ich an einem Spiegel vorbeikam und im Vorbeigehen flüchtig reinguckte und dann ruckartig stehenblieb. Um mich genau anzugucken. Wie groß ist der Drang in mir, meine Züge in Nachfahren zu sehen, zu wissen, ich hab mich weitergetragen. Ich gehe nicht unter. Ich zeuge. Ich gebe das weiter, was meine Eltern mir gegeben haben. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für die Generationen vor mir. Wie groß ist er? Rational habe ich heute nachmittag gedacht, nein, solche Gene will ich nicht weitergeben. Mein von mir dann geliebtes Kind dazu verdammen, mit Depressionen zu leben. (Auch wenn mir grad einfällt, wer weiss, was es dann für Forschungsergebnisse gibt). Ganz zu schweigen vom Untergang der Welt. Aber wenn man sich dann so im Spiegel anguckt, dann guckt man. Und guckt. Und weiß, dass es ach so leicht ist, in das ewig gleiche Lebensschema reinzurutschen. Sei es, weil es einfach so passiert, sei es, weil man nicht seine, sondern unbedingt die Gene des Partners weitertragen will, komme was wolle. Das Kind wird ja geliebt.
Aber eigentlich, in den schwierigen Momenten, in denen man wirklich nachdenkt, weiss man, man kann froh sein, wenn es einfach biologisch nicht klappt. Zu wenig Spermien, verklebte Eierstöcke, verwucherte Gebärmuttern, soviel kann dazwischen kommen. Und ach wie wird man hadern, dass das Schicksal es nicht wollte. Und gleichzeitig ist man froh, dass die Entscheidung einem abgenommen wurde. Der wilde Wille, das urige biologische “Ich” geistig bezwungen wurde. Durch ach so eingelebtes Prokrastinieren.
Und es wird nicht schlimm sein. Man wird trotzdem leben, genauso einsam sein oder auch nicht, genauso sterben am Ende. Und genauso überbleiben. Ein ganz schön depressives Ergebnis.